Klang – Stille – Raum

„Musik beginnt nicht mit dem ersten Ton, sondern mit der Stille davor, und sie endet nicht mit dem letzten Ton, sondern mit dem Klang der Stille danach.“

Giora Feidmann

 

Mit diesem Zitat von Giora Feidman, weltberühmter Klezmermusiker und Meister der Klarinette, möchte ich in diesen Blogbeitrag zum Thema Stille aus der Klangperspektive einsteigen. Was scheinbar paradox ist, bedingt einander existentiell. Denn ohne Stille können wir keinen Klang wahrnehmen. Und umgekehrt.

Stille als Tor zum Sein

Ohne Stille keine differenzierte Wahrnehmung. Ohne Stille kein Rhythmus.  Ohne Stille kein SEIN. Stell Dir ein Leben ohne Pausen und Stille vor. Kaum vorstellbar, denn es wäre nichts mehr differenzierbar. Und doch sind wir täglich vielfältigen Geräuschen ausgesetzt. Ob wir wollen oder nicht. Denn wir können die Ohren nicht so einfach verschließen, wie wir es mit den Augen tun können.

 

Das Ohr, dein Tor in die Welt

Das Ohr ist das Sinnesorgan bei uns Menschen, das schon im Alter von ca. vier Monaten im Mutterleib voll entwickelt ist.  Und was gibt es da nicht alles zu hören: das Herzklopfen der Mutter und ihre Darmgeräusche, genauso wie – gedämpft durch das Fruchtwasser – auch die vielen Außengeräusche der Welt.

Das Hören ist auch der Sinn, der uns als letzter verlässt.

Die Inder sagen, dass das Ohr das Tor zur Seele ist.

 

 

Als Klangtherapeutin arbeite ich in meiner Praxis für beschwingtes Sein mit den Klängen tibetischer Klangschalen und dem individuellen Grundton, den jeder Mensch in sich trägt. Hier erlebe ich unmittelbar die tiefgreifende und wohltuende Entspannung, die sich bei den Menschen einstellt, wenn sie sich auf die „Welle“ aus Klang – Stille – Raum einlassen.

 

Der ewige Tanz

Klang und Stille bedingen sich gegenseitig. Klang ist Schwingung, jeder Ton hat seine ganz eigene Frequenz und erzeugt damit Energie. Und Energie wiederum ist Bewegung und erzeugt Klang. Welcher ausklingt und zur Stille wird.

Vergleichbar mit einem Stein, den man ins Wasser wirft. Es entstehen kreisrunde Wellen, die nach außen wegfließen. Es dauert etwas, bis die Wasseroberfläche wieder gänzlich ruhig ist. So verebben auch die Klangwellen in die Stille.

Diese Stille ist Seins-Qualität, höchstes Bewusstsein, aus dem wiederum Klang entsteht. Das ist der Kreislauf des Seins, der immerwährende Schöpfungsprozess. Jeder Augenblick ist einzigartig und neu.

Intensiv erlebbar ist dies beispielsweise in den kurzen Momenten, bevor ein Orchester zu spielen beginnt. Höchste Konzentration aller Musiker und des Dirigenten. Eine Stille bei der man eine Stecknadel fallen hören könnte. Dies ist ein intensiver Augenblick Gegenwärtigkeit.

 

Wertschätzende Kommunikation

Genauso ist es auch mit der Stimme und unserer Sprache. Wirklich echte Kommunikation und Verständnis entstehen dann, wenn wir uns gegenseitig den Raum – die Pause oder Stille – geben, die Sätze in Ruhe aussprechen zu lassen, wirklich zuzuhören… Ich selbst darf hier täglich üben, denn auch mir passiert es, dass ich im Eifer des Gefechts schon zu sprechen beginne, obwohl mein Gegenüber noch spricht. Achte mal, wie es dir ergeht und trainiere bewusste Zurückhaltung und Stille. So entsteht achtsame Kommunikation, die wirklich wertschätzend ist. Selbst wenn es um Inhalte geht, die konträr sind und nichts mit unserem eigenen Standpunkt zu tun haben.

 

Hör auf die Stille

In welchen Momenten erfährst du Stille? Sobald du beginnst, auf die Pausen zu achten, deine Aufmerksamkeit auf den Raum zwischen den Klängen zu richten, schulst du deine Achtsamkeit. Du gelangst automatisch in den gegenwärtigen Moment, denn Stille ist nicht in der Vergangenheit oder Zukunft erlebbar.

Eine wunderbare Gelegenheit, Musik und ihre Pausen zu hören, ist das Klavierstück „Für Alina“ von  Arvo Pärt. Ich habe auf ein Video verlinkt, in dem das Stück meisterhaft von der Pianistin Joana Gama interpretiert wird. Kannst du die Räume der Stille hören?

 

Klangvolle Grüße und ein wunderschönes Osterfest!

Astrid

 

Bilder: privat und 123rf.com asmati

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